Mistel

[Pegasus Projekt: Pegasi Gamma – Algenib]

Erst jüngst bin ich einer Mistel begegnet. Bei dem Hinweisschild zur Teufelsofenstrasse lag ein abgebrochener Tannenast, auf dem eine junge Mistel wucherte. Sie ist neben der Irrwurzen das zweite Fundstück auf meiner Reise zum Stern Algenib. Sicher ist der Ast während der schweren Schneefälle der letzten Wochen vom Baum gebrochen, ein besonderer Glücksfall für den Sammler. Denn es ist nicht leicht, eine Mistel in freier Natur zu ergattern. Vom Baum mit Steinen herunterschiessen, mit langen Stangen hantieren, auf den Baum klettern? Hier, am Eingang zum Teufelsofen wird sie mir geschenkt: eine Tannenmistel. Welch merkwürdige Pflanze! Ich beschliesse einen Teil zu sammeln, um daraus zuhause Räucherwerk herzustellen. Es soll warm und würzig duften und verschüttete Energie fördern.

Wenn wir uns fragen, warum gerade die Mistel zu den Pflanzen gehört, die im Volksglauben und in der Volkssitte eine hervorragende Rolle spielen, so kann die Antwort darauf nicht zweifelhaft sein. Während die anderen Pflanzen in der Erde wurzeln, wächst die Mistel hoch oben auf Bäumen, wo sie besonders zur Winterszeit weithin sichtbar ist. Auch in ihrer Gestalt weicht sie so ab von den meisten anderen Pflanzen, daß sie unbedingt die Aufmerksamkeit des primitiven Menschen auf sich ziehen mußte.

Karl Freiher von Tubeuf: Monographie der Mistel. 1923

Gerne nehme ich den Vorwurf des Freiherrn von Tubeuf auf mich, ein primitiver Mensch zu sein: die unterschiedlichen Bedeutungen und die Form der Mistel haben auch mich seit vielen Jahren fasziniert. Deshalb auch diese Buchrezension: wer sich wie ich in die Erzählung dieser Pflanze „einschreiben“ will, der kann dies mit der Lektüre der mittlerweile vor fast hundert Jahren veröffentlichten „Monographie der Mistel“ tun. In der Biodiversity Heritage Library ist dieses Buch verfügbar. Wer gerne die hundertjährige Distanz zur Gegenwart in Kauf nimmt, der mag dies wagen.

Dabei wird man nicht nur über Verbreitung und Botanik dieser Pflanze lernen können, sondern sich auch über ihre kulturspezifische Bedeutungen informieren lassen. Auf wenig mehr als 70 Seiten bespricht der Autor den kulturhistorischen Hintergrund der Mistel, das ist rund ein Zehntel des gesamten Umfang seines Buches: alles anderen ist der Botanik der Pflanze und ihrer Verbreitung gewidmet. Die Kulturgeschichte stellt er voran. Tubuef beginnt das Buch mit einer umfangreichen Würdigung der Aufzeichnungen des Theophrastus aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Er verweist auf das naiv erscheinenden Erstaunen des griechischen Naturforschers über die Sonderstellung der Mistel: „Dass sie aber unter keinen Bedingungen im Boden wachsen, das ist wunderbar, zumals sie so viele und üppige Früchte tragen. Unerklärlich ist das, dass sie nur auf anderen Pflanzen wachsen, nicht in der Erde. Aber vielleicht sind sich die Pflanzen einander zugetan so wie die Tiere. Dass sie aber überhaupt nur auf der Erde wachsen können, das ist so wunderbar, zumal da sie Früchte haben und Samen und aus dem Samen aufwachsen …“

Plinius dem Älteren (1. Jh. n. Chr.) verdanken wir wiederum die Überlieferung des Mistelkultes bei den Kelten. Aus der lateinischen Fassung des entsprechenden Textes übersetzt Tubuef die durch die Comicfigur Miraculix eine mittlerweile doch recht trivialisierte Textpassage: „Der Priester, mit weissem Kleide angetan, besteigt den Baum (die Eiche!), schneidet mit Goldener Sichel die Mistel ab. In einem weissen Tuche wird sie aufgefangen. Dann schlachten sie die Opfertiere mit dem Gebet, die Gottheit möge ihre Gabe denen günstig werden lassen, welche sie damit beschenkt haben. In den Trank getan, solle sie alle unfruchtbaren Tiere fruchtbar machen und ein Heilmittel gegen alle Gifte sein.“ Natürlich kein Wort hier von dem Zaubertrank, der übermenschliche Kräfte verleihen soll.

Breiten Raum widmet Tubuef auch dem Mythos aus der Wikingerzeit, bei dem Gott Baldur durch einen aus Mistelzweigen geschnitzten Pfeil auf Betreiben des listigen Loki getötet wurde. Hier müssen wir schmunzeln, windet sich doch der eingefleischte Botaniker Tubuef auf bemerkenswerte Weise, um die Erzählung von Snorri Sturluson zu akzeptieren, dass die Mistel von den Attentätern aus der Erde gerissen wurde. Tubuel bemüht fintenreiche historische Exkurse: „Hier steht, wie man sieht, die Mistel im Mittelpunkt. Sie ist es, die dem Auge der Seherin erscheint, erst als Bäumchen auf der kahlen Ebene, dann als fliegendes Geschoss.“ Die Mistel bringt also Unheil und nicht nur Segen. So ist es wohl mit allen Pflanzen. Aber sie wächst auf dem Baum!

Eigenartig auch, wie Tubuef alles tut, um die jüngere Geschichte der Mistel im sgn. Volksglauben zu desavouieren. All der Aberglaube um die Mistel ist ihm nichts anderes als ein Ausfluss der Behauptungen in der weit zurückliegenden Geschichte. Mit der Arroganz eines Aufklärers und Wissenschafters der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts möchte er behaupten: „Wenn wir aber den Mistelaberglauben von den ältesten Zeiten, wie er bei Plinius geschildert wird, bis auf unsere Tage verfolgen, so können wir das meiste in gleicher oder in ähnlicher Form wiederfinden.“ Und er setzt einschränkend fort: „Vieles dagegen aus dem die Mistel umrankenden Aberglauben ist sicher unabhängig davon entstanden und erklärt sich aus der gleichartigen psychischen Organisation des primitiven Menschen.“ Es geht laut Tubuef also doch um ein Stück „spontanem Volksglauben.“ Verwundert fragen wir. Was jetzt bitte? Fest steht für ihn: das Volk ist primitiv. Es weiss nicht zwischen Mistel und Hexenbesen zu unterscheiden und sitzt beständig dem Aberglauben auf. Denn heute weiss der aufgeklärte Pflanzenfreund: Als Hexenbesen werden allgemein in Baumkronen siotzende dichte kugelige Verzweigungen bezeichnet, die von bestimmten Pilzarten verursacht werden: nur der Volksmund verwechselt diese mit der Mistel, welche selbst durch Samenauftrag entstehen. Hexenbesen wiederum ist auch nicht Hexenbesen: das auffällige Gewächs sei nicht mit dem Besen der Hexe zu verwechseln, auf dem diese durch die Lüfte reitet. Aber auch die Mistel vermag mytische Dinge zu tun.

Wollen wir aber den sogenannten „Volksglauben“ oder meinetwegen auch „Aberglauben“ rehabilitieren, so müssen wir das christlich-kolonisatorische Umfeld des Mittelalters in Betracht ziehen verstehen, welches die enge Verbundenheit des Menschen zur Pflanze bekämpft hat und als Aberglauben desavouiert. In dieser Tradition steh Tubuef auch als Wissenschafter des 20. Jahrhunderts. Doch ist die Pflanze und ihre Bedeutung ernstzunehmen als etwas, was Wolf-Dieter Störl als wesentlichen Bestandteil einer „ökologischen, ökonomischen und spirituellen Matrix“ bezeichnete, „die sie (die Menschen) und ihre Lebensweise prägten.“ Doch diese Wertschätzung von Natur und „primitivem Menschen“ ist des Freiherren Sache nicht. Das aber selbst aus historischer Sicht nicht entschuldbar.

Es seien an dieser Stelle einige Bedeutungsfelder der Mistel genannt, die im Volksglauben Eingang gefunden haben, aber der kulturspezifischen Einordnung bedürfen: etwa dass die Mistel Glück bringe, wenn sie auf spezifische Weise geerntet werde. So wird aus Schlesien und dem Schweizer Aargau der Brauch berichtet, dass um den die Wintersonnenwende (21. November) bei abnehmendem Mond die Mistel mit einem Pfeil vom Baum geschossen und mit der Hand aufgefangen werde. Aus dem Mittelalter wird berichtet, dass die Mistel der Abwehr von Zauber diene und deshalb Teile von ihr als Talisman getragen wurden. Vor allem gegen jede Art von Krankheiten soll sie behilflich sein, ein Absud aus Misteln soll gegen „Fallsucht“ (Epilepsie) helfen. Auch das Glück kann durch den richtige Verwendung der Mistel „herbeigezaubert“ werden, Schätze gefunden werden und sie soll als Abwehrpflanze vor dem Gewitter, Blitz und Feuer schützen. Vor allem aber soll sie gegen Verzauberung schützen. Uber der Tür oder am Dachboden angebracht, soll sie böse Geister und Unglück vom Hause und seinen BewohnerInnen fernhalten. Die Belege für die magischen Wirkungen der Misteln sind zahlreich, wenn man die unterschiedlichen (auch neueren) Wörtebücher des Aberglaubens zu Rate zieht.

Der immergrüne Charakter der Mistel zeige auch auf ihre Bedeutung zur Weihnachtszeit. Mit leisem kulturpessimistischem Unterton vermerkt Tubuef : „Wenn in den grösseren Städten Mitteleuropas der grüne Wald duftender Weihnachtsbäume in den Strassen und auf den Marktplätzen aufgestellt wird, dann feht heute fast nirgends mehr neben den Kiefern, Fichten und Tannen ein immergrüner Busch mit weissen Beeren von mattem Glanz der Perlen, den jedermann kennt: die Mistel. Wochenlang dienen ihre Sprosse zur Dekoration der Weihnachtsauslagen in den Schaufenstern der Verkaufsläden.“ Wenn dem nur noch so wäre inmitten der plastifizierten Gegenstände und entleerten Bedeutungen des 21. Jahrhunderts, füge ich misanthropisch dazu.

Recherche:

  • Carl Freiherr von Tubuef: Monographie der Mistel. 1932
  • Ditta Bandini-König: Kleines Lexikon des Aberglaubens. 1998
  • Wolf-Dieter Störl: Ur-Medizin. Die wahren Ursprünge unserer Volksheilkunde. 2015