Plakat zur Schweizerischen Landesausstellung 1939 in Zürich

Versprochen, gehalten! In der Absicht, Kochrezepte aus Mostindien auszuprobieren, schlage ich die Goldene Kochfibel aus dem Jahr 1956 wieder auf. Hausfrauen aufgepasst, denn um euch geht es allenthalben. Hausmänner und andere Kochinteressierte haben da nichts verloren. In der Einleitung zu der Schweizer Rezeptesammlung meint die Autorin Rosa Graf nämlich:

So mannigfaltig die Sitten und Gebräuche in unseren verschiedenen Kantonen sind, so verschieden sind auch die Gerichte, die die Schweizer Hausfrau ihren Angehörigen auf den Tisch bringt. Die Landesausstellung hat nicht zuletzt das ihre beigetragen, dass unter den Schweizer Hausfrauen ein Sammeleifer für Rezepte aus anderen Kantonen entfacht ist.

Graf, Rosa: Goldene Kochfibel. Altbewährtes und Neues in Wort und Bild. 1956

Und schon schweifen die Gedanken ab. Oha, denke ich: was hat es denn mit dieser Landesausstellung (im Volksmund „Landi“ genannt) auf sich, dass sie im Rahmen einer Kochfibel erwähnt wird? Offenbar bezieht sich die Autorin auf die Schweizerische Landesausstellung 1939, welche auf dem Gelände am Züricher See stattfand. Während die Ausstellung angesichts des Beginns des Zweiten Weltkriegs unter dem Zeichen eines vermuteten „Wehrwillens der Schweiz“ stand (Motto: Unser Land, Unser Volk, Frei, auf ewig frei! ), organisierten Frauenorganisationen gegen den anfänglichen Widerstand der männlichen Organisatoren einen Pavillon der Schweizerfrauen. Dort sollte auf die Bedeutung der Frauen und ihre politische Ungleichbehandlung aufmerksam gemacht werden. Noch immer durften Schweizer Frauen nicht wählen oder sich wählen lassen. Von Männern belächelt und vom offiziellen Programm nicht beachtet, zusammengepfercht auf einen Raum von knapp 84 Quadratmetern, wurde in diesem Pavillon in mehreren Wandtafeln auf die Rolle der Frau hingewiesen. Sieben Themenbereiche sollten eine selbstbewusste Leistungsschau anbieten: Die Frau in der Familie; in sozialer Arbeit, Krankenpflege und Erziehung; die erwerbstätige Frau; die Hausfrau und Konsumentin; die Frau als Mitarbeiterin ihres Mannes; in Kunst und Wissenschaft; im Staat. Zwar war letztendlich den Frauen ein bescheidener Platz auf der Landesausstellung eingeräumt worden, bezüglich ihrer politischen Gleichstellung konnte jedoch in der Öffentlichkeit kaum nachhaltige Wirkung erzielt werden. Sie waren eine öffentliche Randerscheinung: selbst im Veranstaltungsprogramm der Landi schien der Frauenpavillon nicht auf.

Die Neue Züricher Zeitung schrieb damals:

Ist die verhältnismässige Kleinheit des Raumes, der den Schweizerischen Frauenverbänden für die Darstellung des Frauenwirkens in der Schweiz überlassen wurde, nicht symbolisch für das noch immer sehr beschränkte Mitspracherecht der Frau im Schweizerischen Staatswesen überhaupt? Man hat sie hier stiefmütterlich behandelt, (…) darüber ist nicht hinwegzusehen.

NZZ, 7.7.1939

Interessanterweise spiegelt sich diese Minderwahrnehmung der Anliegen der Schweizer Frauen auch in Rosa Grafs weitverbreiteten Kochfibel wieder. Während ihr Buch wie selbstverständlich die gesellschaftliche Rolle der Frau auf jene der Hausfrau reduzierte, ging sie mit der oben angesprochenen Hinweis auf die Landesausstellung 1939 sogar noch einen Schritt weiter: das Anliegen der „Frauensache“ im Rahmen der Ausstellung wurde von ihr aufs Kochen und Rezeptesammeln reduziert. Kantonsübergreifendes Rezeptesammeln war wohl ein derart wichtiges Anliegen, dass der Beitrag der Frauen zur Landesausstellung 1939 erwähnenswert erschien. Das ist, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, mehr als reaktionär angesichts des unterdrückten Wahlrechts für die Frauen, das zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buches noch immer Utopie war. Und das ist auch die Crux der Kochfibel: indem sie die Hausfrau in ihrer Ausschliesslichkeit feiert, unterwirft sie sie dem männergerechten, politischen Kalkül in der damaligen Politik – der Unterdrückung des Frauenstimmrechts. Auch Kochbücher sind Ideologie, und sie sind es immer schon gewesen. Selbst die heutigen, die Globalisierung, Gesundheit und Fitness feiern. Sie wissen es nur nicht.

Postkarte: Der „Frauenpavillion“ (=Oktogon links) auf der Schweizerischen Landesausstellung 1939

Anstatt aber das ideologieträchtige Kochbuch angewidert in die Ecke zu werfen, bleiben wir aus sentimentalen Gründen an ihm dran. Immer wieder haben wir die Schwiegermutter vor Augen, wie sie ihre Kochkünste als Dienstmagd verfeinert und für das Buch den halben Monatslohn ausgegeben hat. Kehren wir also ernüchtert zum versprochenen Rezept aus der „Goldenen Kochfibel“ zurück. Kochen wir als Männer, wenn es auch allein der Frau als Aufgabe übertragen werden sollte. Und kochen wir die einfachen Dinge des Lebens aus Mostindien. Hinterlassen wir danach die Küche in sauberem Zustand. Machen wirs in aller Normalität, soe wie die Frauen schon Jahrhunderte lang.

Im Kapitel „Schweizerisches Essen“ sind in kantonaler Aufgliederung auch drei Rezepte aus dem Kanton Thurgau aufgezeichnet: die Süssmostcreme, das Stopfete und die Thurgauer Hafersuppe. Während die Süssmostcreme wohl die Referenz zum Apfel- und Birnenanbau in „Mostindien“ darstellen soll, handelt es sich beim Stopfete um eine Art Zwiebel-Schnittlauch Vinaigrette, in die man trockene Beigaben tauchte („stupfte“): Käse, Wurst, Pellkartoffel, kaltes Fleisch. Wir aber wollen das Kochen aus den 50ern behutsam angehen lassen und konzentrieren uns auf die Zubereitung einer Suppe, jenen Gang der, wie Rosa Graf meint, die Aufgabe hat, „den Gaumen zu reizen für die nachfolgenden Gerichte und zugleich zu sättigen„.

Thurgauer Hafersuppe mit Kartoffel. 2 Löffel Butter oder Fett, 7 Löffel Hafergrütze, Wasser, Salz, Würze, 2 – 3 Kartoffeln, 2 – 3 Löffel Rahm oder rohe Milch.
Den Hafer im Fett leicht rösten, ablöschen, salzen und mindestens eine halbe Stunde kochen lassen, vor dem Anrichten kleine Würfelchen von Geschwellten und Rahm oder Milch beigeben.

Graf, Rosa: Goldene Kochfibel. 1956

Das Rezept erscheint einfach, ist aber für den unkundigen Nichtschweizer möglicherweise voller Rätsel. Deshalb ein wenig Warenkunde:

Hafergrütze: bezeichnet die geschälten und grob geschnittenen Haferkörner. Im heutigen Jargon auch „steel cut oats“ genannt. Im Gegensatz dazu gibt es die bekannteren Haferflocken, das sind gedämpfte Haferkörner, die mittels Walzen flachgedrückt und dann getrocknet werden. Verwendet man letztere für die Suppe, so wird sich die Kochzeit der Suppe deutlich verkürzen.
Butter/Fett: Sehr gern verwendet wird in der Schweiz das sogenannte Butterschmalz. Auch die sogenannte „Kochbutter“, die sich von der Teebutter unterscheidet, könnte in diesem Rezept seine Verwendung finden.
Rahm: Vielleicht für all jene Wiener verwirrend, die mit dem Rahm gerne den Sauerrahm bezeichnen. Hier ist aber ohne Zweifel Süssrahm gemeint.
Geschwellte: sind in der Schweiz das Äquivalent zur Pellkartoffeln bzw. zu gedämpften Erdäpfeln. Sie werden oft zubereitet, ein paar Reste sind sicher irgendwo noch übrig, damit sie in die Suppe geschnitten werden können.
Rohe Milch: Hier ist Rohmilch, also unpasteurisierte Milch gemeint: am Besten direkt vom Milchbauern. Rohmilch ist in der Schweiz ohne weiters käuflich, sollte aber vor dem Verzehr abgekocht werden.
Würze: Mir auch nicht ganz klar, was damit gemeint ist. Es könnte sich um Küchenkräuter oder auch um Bouillonwürfel oder Maggi-Würze handeln. Aromat, die beliebte Schweizer Streuwürze von Knorr, wurde erst 1953, also 6 Jahre nach der Erstauflage des Buches erfunden und kann nicht gemeint sein.
Wasser: Keine Mengenangabe, anders als in heutigen Kochbüchern üblich. Es walte der gesunde Kochverstand! Mit einem bis eineinhalb Liter Wasser wird man wohl das Auskommen finden.
Mengenangabe: Offen bleibt auch die Frage, für wieviele Personen das Rezept angelegt ist. Wir warten das Ende der Zubereitung ab, um dies dann zu beurteilen.

Sind die Zutaten und ihre Begrifflichkeit einmal geklärt, lässt sich das Kochen recht einfach an. Schwierigkeitsgrad: einfach. Und damit auch die Kreativität nicht zu kurz kommt: Ich würde für das Auge vor dem Anrichten auch noch Petersilie oder Schnittlauch drüberstreuen und mit einem Tupfen Creme Fraiche verschönern. Aber das ist wahrscheinlich ästhetischer Pipifax. Wie überhaupt: der Gourmet von heute würde sich diese einfache und unspektakuläre Suppe ohnehin nicht antun. Zu einfach erscheint der Geschmack, zu billig die Zutaten und zu eintönig das Erscheinungsbild. Arme – Leute – Essen, eben, Nachkriegsessen, auch in der Schweiz. Nichts für die Instagram Foodies der Küchen Influenzer oder gar für die fiktive Köchin der Schweiz, die seit 1953 mit Rezepten und Küchenzubehör ihr eidgenössisches Unwesen treibt: Betty Bossi. Während unsere Rosa Graf schon längst vergessen ist, hat die Marke Betty Bossi in der Pandemie wier deutlich an Umsatz zulegen können. Doch darüber an anderer Stelle.

Recherche:

  • Graf, Rosa: Die Goldene Kochfibel.
  • Zürcher, Regula: Das Unbehagen im Staat: die Schweizerische Frauenbewegung, die Landesausstellung 1939 und das Bundesstaatsjubiläum 1948. Ein Nachtrag zum Jubiläumsjahr 1998. In: eperiodica