Bruce Chatwin- Screenshot aus dem Film von Werner Herzog.

Kennen Sie diese Art von Filmen, die sie augenblicklich in eine Art existentielle Situation zurückbefördern, die sie vor vielen Jahren erlebt haben? Erfasst es sie dann wieder vollständig, dieses Gefühl, endlich die Erfüllung eines Lebenstraumes mit Händen greifen zu können? Wissen Sie gleichzeitig, dass wahrscheinlich nichts von dem Zauber von damals ihren Kindern und Kindeskindern zugänglich ist? Fragen Sie doch die „Jungen“, wer Werner Herzog ist, wer Bruce Chatwin war, und vielleicht auch noch, was ihnen der Name Klaus Kinski sagt. Sie werden meist Unverständnis und Ungeduld ernten. Fazit: Mit den Personen und Namen ist auch das Lebensgefühl von damals verschwunden.

Der Film heisst: Der Nomade – Auf den Spuren von Bruce Chatwin. Er wurde 2019 im Auftrag von BBC und Arte gedreht. Zu sehen ist er bis einschliesslich November nächsten Jahres 2022 auf arte. Es ist ein Film über die Vergangenheit und es ist im Grunde ein Film über das Sterben. Am Ende liest eine sehr attraktive australische Anthropologin Passagen aus dem Buch Chatwins:

Ja, ihnen fehlte nichts. Sie wussten, wohin sie gingen. Im Schatten eines Geister – Eukalyptusbaumes lächelten sie dem Tod entgegen.

Der Nomade – Auf den Spuren von Bruce Chatwin. Werner Herzog, 2019.

Das war wohl unsere Jugend, die im Tempo des Zeitenlaufs verschütt gegangen ist und jetzt vor sich hinstirbt; unsere Sehnsüchte, Lebensträume und Geheimnisse. Alte, aber noch immer neugierige und erlebnissüchtige Herren und Damen sind wir geworden, nur dann aber, wenn wir die Vergangenheit unbeschadet überlebt haben. Es könnte ja auch sein, dass wir die Träume von damals wie eine bösartige Geschwulst in unserem Inneren abgekapselt haben und nichts mehr von damals empfinden wollen. Aber das will ich nun doch nicht glauben.

Puerto Natales: Seno Ultima Esperanza. Chile. Wikimedia Commons.

So ist mit Werner Herog ein alter Zauberer um die Ecke gebogen, verzieht den Mund zu einem „Forever Young“ – Grinsen und versetzt uns zurück, zwanzig, dreissig Jahre in unsere Vergangenheit: als wir selbst auf den Spuren von Bruce Chatwins Büchern in Patagonien unterwegs waren, fünf Wochen und mit zunehmender Entfremdung zu unserer beruflichen Alltagsroutine. Wieder sind wir gerührt und ergriffen und es ist uns eigentlich zum Weinen zumute in unserer Gefühlsaufwallung. Patagogien, Tierra del Fuego, Punta Arenas, die ausgestorbenen Yagan, die Ureinwohner Feuerlands. Mehrere Tage auf einem schlingernden umgebauten japanischen Frachter von Puerto Montt unterwegs durch die Fjorde Südchiles nach Puerto Natales. Dann im anheimelnden Hotel am Seno Ultima Esparanza, auf das Meer hinausblickend, das ausnahmsweise an diesem Nachmittag nicht aufgewühlt war, sondern ölig und spiegelglatt.

Eine Altherrenphantasie eben, so wie der ganze Film ein Stück Erinnerung eines alternden Regisseurs ist, der sich an den Weggefährten Bruce Chatwin mit Stolz und Begeisterung erinnert. Die Essenz des Abends mit diesem Fim war dann wohl: die Erinnerung an die Besessenheit vom Leben, von dessen Geheimnissen und der Weite und Tiefe möglicher menschlicher Existenz. Damals, als das Reisen noch Abenteuer war und es etwas zu entdecken gab in den Falten der Welt, haben wir mit der ganzen Person gelebt und geliebt. Und uns umfasst Trauer, weil uns scheint, als wäre heute schon alles entzaubert und bar jeden Abenteuers, nur noch Erholung und Fitness, zu Tode in Bildern und Tönen verbreitet in den Katakomben der Sozialen Netzwerke.

Wer mit diesen Zeilen jetzt nichts anzufangen weiss, möge doch Bruce Chatwin lesen und sich hineinfallen lassen in die Welt seiner nomadischen Besessenheit.

… for Chatwin, the journeys were both real and imaginary: Fact became fiction, and fiction fact, and the terra incognita he traveled between them was where the true adventure lay.

The New York Times: Bruce Chatwin – One of the Last Great Explorers.