Reklame in Wien: Der Film „Lebenskünstler“, 1947

Ein neues Buch hat er geschrieben, der mittlerweile 63 jährige Filmregisseur, Journalist und Autor Oskar Röhler, das wieder die Kindheit der in den Fünfzigerjahren Geborenen zum Thema hat. Nicht ohne Logik heisst dieses Buch „Der Mangel“ (2020 bei Ullstein erschienen), denn es führt uns in die Zeit knapp vor dem unerwarteten Ausbruch des Wirtschaftswunders in Deutschland (und etwas später auch in Österreich). Der Mangel der Nachkriegszeit war noch überall greifbar und erfahrbar. Und tatsächlich führt das Buch den Mangel in vielerlei Hinsicht aus: Als Mangel am Vater, der als Handelsvertreter nur an den Wochenenden nach Hause kommt und dann von den zwiespältigen Bedürfnissen der Mutter fast völlig in Beschlag genommen wird; als Mangel an Anerkennung durch die Bewohner des Dorfes, an dessen Rand man sich unter Entbehrungen eine neue Heimat aufzubauen versucht; als Mangel an Kleidung für den Buben, der sich in unbequemen und harten Schuhen quälen muss, bis sie ihm buchstäblich von den Füssen fallen; als chronischem Mangel an Geld, inmitten des beginnenden Wohlstandes des deutschen Wirtschaftswunders; als Mangel an Anerkennung durch die Mehrheitsgesellschaft, die den zugewanderten Sudetendeutschen mit Argwohn und Abschätzigkeit begegnet; als Mangel an balanzierter Erziehung und Bildung in einem System, in dem die Zucht des Zöglings im Vordergrund steht und nicht die Bildung der jungen Menschen; als Mangel an Demokratie in einem Land, das von postfaschistischen und autoritären Zuständen und den alten Nazis geprägt war.

Autoritär, gewalttätig und egoistisch waren sie fast Alle in dieser Zeit: die frustrierte und einsame Mutter, die im Haushalt verblüht und verkommt und zu bösartigen Gefühlsstrategien greift; der vom finanziellen Ruin bedrohte Vater, der am Liebsten alleine vor sich hin in die Ferne und Vergangenheit starrt; die Lehrerin, eine Megäre von Weib, die keinen Widerspruch duldet und mit ihrer sadistischen Körperlichkeit ekelerregend die Kinder dominiert; und schliesslich ein kulturbesessener Anthroposoph, der die ihm anvertrauten Kinder mit intellektuellen Zumutungen überfordert, die sie ihr Leben lang nicht mehr loslassen werden und letztendlich ihre Einsamkeit besiegelt. Und so wie die Jugend des ungeschützten und auf sich selbst gestellten Buben ist auch die Sprache des Buches: wild, grausam, wüst distanzierend, kompromisslos und unversöhnlich. Ein grosser und grausamer Wurf einer Jugend ohne Gott ist dem Oskar Röhler gelungen.

Es liegt nicht alleine am Wir, das der Icherzähler ständig gebraucht, wenn er von den Jahren seiner Jugend erzählt und die Komplizenschaft und Schicksalsgemeinschaft mit dem Leser herzustellen versucht. Es liegt an der Stimmung des Buches, dass der Autor dieses Postings sich sofort wiederzuerkennen vermag zwischen den Zeilen. Auch er ist wie Oskar Röhler und der Ich-Erzähler des Buches in den Fünfzigerjahren geboren und von der depressiv-gewalttätigen Grundstimmung einer kaum entnazifizierten Gesellschaft tief betroffen. Obwohl in Österreich und in der Hauptstadt aufgewachsen, also in einem durchaus unterschiedlichem sozialen und kulturellen Kontext, schlug auch in seiner Jugend durch, was den Autor Oskar Köhler beschäftigt: die Stimmung und Verfasstheit der Fünfziger- und Sechzigerjahre, gegen die viele ein ganzes Leben lang protestieren sollten. Und das ist das Bittere daran: mittlerweilen ist das alte Hassbild der Welt abhanden gekommen, nicht aber dem eigenen Ich.

Dort die bäurische Dumpfheit des Dorfes in Mittelfranken, hier die Jugend in einem kriegszerstörten Wien der Armut, unmittelbar am Eisernen Vorhang: beide Stimmungen dominiert vom Mangel der Fünfzigerjahre. Ich nehme das Familienbild zur Hand, das mich inmitten von Urgrossmutter, Mutter, Vater und Cousin zeigt, fünfjährig, also im Jahr 1960. Erinnerungen blitzen auf, viele davon sind unangenehm, angsterregend, empörend. Sie machen mich selbst noch heute wütend, sechzig Jahre danach: bedrückende Armut, soziale Isoliertheit, latente Gewalttätigkeit und der der bittere Mangel an intellektueller Anregung.

Darum wirkt das Buch von Röhler so stark auf mich: weil hier einer erlebt und erkannt hat, was auch mich ein Leben lang beschäftigen wird. Dennoch gibt es auch auch Kritik am Buch, das mich beim Lesen ebenso überfällt wie die Erinnerung an meine eigene Jugend. Zu glatt erscheint mir die vom Autor aufgemachte Differenz zwischen dem Künstlerdasein und den fettgewordenen Anderen. Zu pathetisch und romantisch verbrämt das Werden eines Künstlers, der sich wie Phönix aus der Asche hebt und doch am Künstlerdasein zugrunde geht. Als wären die intellektuellen Errungenschaften nicht auch zaghafte, von leisem Hoffen Wut Bemühungen gewesen, als hätte es nicht auch wohlwollende Hilfe gegeben. Hier aber erscheinen sie aufgeblasen zu radikaler, im Kern aber bildungsbürgerlicher Attitude: der Dichter als leidendes Genie, das noch dazu seine Leidensgenossen in Geiselhaft nimmt. Wie gesagt: Es ist kein Buch der leisen Worte, auch keines der Nuancen. Es ist ein Buch, das lärmend nach Gerechtigkeit schreit und dabei manchmal auch selbstgerecht das Kind mit dem Bade ausschüttet. Wut ist niemals weise, aber oft der einzige weg zum Überleben!

Marie Schmidt schreibt in ihrem Aufsatz Für immer Nachkriegszeit:

Es wirkt, als hätten das Sicherheitsbedürfnis und die familiären Schweigeabkommen nach dem Krieg und der Vernichtung von sechs Millionen Juden so etwas wie eine eigene Zeitdimension ausgebildet. Und als bestünde diese andere Zeit neben der disruptiv in die Zukunft torkelnden Gegenwart fort wie verkapselt – die Nachkriegszeit als Paralleluniversum.

Marie Schmidt: Paralleluniversum. Für immer Nachkriegszeit. Süddeutsche Zeitung, 2.8.2020

Gezeigt zu haben, dass dieses Paralleluniversum noch immer existiert und in uns wirksam geblieben ist, das ist der Verdienst des Autors Oskar Röhler.