# Querdenken, auch nichtlineares, laterales, „wildes“ Denken genannt. Ein 1967 erstmals von Edward de Bono gebrauchte Denkmethode, die sich vom sogenannten, linearen Denken unterscheidet und eben nicht in bisher eingeübten Mustern verläuft. Sie wird charakterisiert durch Intuition und Subjektivität, Assoziation, Fehlerkultur und Kreativität, im besonderen aber vom Ausbrechen aus routinisierten Denkmustern. Ehemals nachgefragt in sgn. Think Tanks und Innovations Clustern. In den Jahren der COVID Pandemie ab 2020 wird der Begriff allerdings in radikaler Antiwissenschaftlichkeit verwendet. Er taucht erstmals auf einer Demonstration im August 2020 in Berlin als „Querdenken 711“ auf, und gibt einer Bewegung den Namen, die der Stuttgarter Michael Ballweg als „Freiheitsinitiative“ ins Leben gerufen hat. Die behauptete Pandemie sei eine Inszenierung der Machtelite, welche die Freiheitsrechte beschränkt und das Volk in eine „Corona-Diktatur“ zwingen wolle. 

Es ist schon spannend, wie ein Begriff so grandios auf dem glatten Parkett der Geschichte ausrutschen kann. Mit einem Male entblödet er sich zu einem Schlagwort der Verschwörungsschwurbler, wird missbraucht in einer von paranoidem Grössenwahn gesättigten Subkultur. Vom Intellekt entblösst steht man/frau auf der Strasse: aus Denken wurde Fühlen und blanke Angst.

Was waren das für Zeiten, als eine Bildungsministerin (Claudia Schmid) an den Schulen Österreichs 2008 das Querdenken propagieren durfte:

„Das Zusammenleben in einem kulturell vielfältigen Europa erfordert ein Umdenken, ein Abrücken von Vorurteilen oder festgefahrenen Interpretationsmustern. Ein innovativer und kreativer Umgang mit dem kulturell Eigenen und dem Anderen ist gefragt. Innovationen können zwar nicht verordnet, wohl aber gefördert werden. Sie brauchen einen Raum, in dem es erlaubt ist, gegen die üblichen Denkmuster „querzudenken“.

Austrian Press Agency

Anmassend und selbstgerecht fand ich das Wort „Querdenken“ schon damals, als man noch Albert Einstein als Querdenker bezeichnete und der Begriff noch nicht zum Gassenhauer der Pandemie geworden war. Denn wer sind wir denn, dass wir behaupten dürfen, durch unsere Art des Denkens Innovation und Fortschritt gepachtet zu haben? Sich Querlegen mit seinen Ansichten, anders denken als die Masse des dumpfen Volkes, sich Querstellen für die Gotteswahrheit, die einen geküsst hat. Querschreiben, Querreden, Querdenken – man feierte sich in Selbstverliebtheit. Einem Narziss gleich stilisierten wir uns, am Rande der spiegelglatten Pfütze sitzend und voller Liebe in unser entrücktes Antlitz blickend. Bei so viel Hybris muss letzten Endes Alles schiefgehen. Wie tief ist das Querdenken seit 2020 denn gesunken, dass es die Spitäler, Wissenschafter und Ärzteschaft mit ihrer sich entblödenden Polemik bedrohen darf!

Querdenker, Schwurbler, Covidioten, Covidleugner, Anti-Impf-Esoteriker, Rechtsradikale bevölkern nun das Tollhaus der Strasse. Und dann sind auch noch die sich selbst als verantwortungsvoll und vernünftig bezeichnenden GegnerInnen. Die Mehrheit der Vernünftigen betäubt sich gerade mit dem wiedererwachten, tiefen Glauben an die Wissenschaft. Kritik am Positivismus ist dabei mit einem Mal verpönt. Von nichtlinearem Denken wollen sie nichts mehr wissen. Ihre Galionsfiguren sind die Lauterbachs und Brodnigs, die selbst zu Medienstars geworden sind. Laut ist es geworden rund um uns, die Strasse mit ihren überdimensionierten Lautsprechern regiert, auf Twitter, auf der Strasse und im Familienkreis. Viele reden von der „Spaltung“ der Gesellschaft, gemeint ist aber eigentlich die immer tiefer greifende Verblödung derselben.

Was mir am Denken immer gut gefallen hat: das es jeder kann, auf seine ihm ganz spezifische Weise: professionell oder einfach so. Die Welt mit dem eigenen Denken zu durchdringen, das ist ein stiller, nicht immer geradliniger Weg. Das hat mit dem Fühlen nicht direkt etwas zu tun, mehr mit ernstgemeinter Auseinandersetzung und Selbstkritik. Es ist von Demut beherrscht, der Demut, dass man irren kann. Wer denkt, masst sich nichts an, sondern bescheidet sich in Kenntnis seiner/ihrer Grenzen. Denken braucht Stille, dann entfaltet es seine Macht: dann kommt es der Wahrheit nahe.

Glossarverzeichnis:
Einführung ins Glossar # Street Credibility # Microgreens # Plastification