Gemeiner Huflattich (Wikimedia Commons)

Der Huflattich ist ein sehr nützliches Gewächs. Wo er zahlreich wächst, geben seine Blüthen den Bienen zu einer Zeit Nahrungsstoff, in welcher noch wenige Gewächse blühen. Blätter und Blüthen (Hernba et Flores Farfarae) sind arzneilich und Huflattichthee war schon im Alterthum ein berühmtes Heilmittel bei Brustkrankheiten und Husten, wie dies auch der uralte lateinische Gattungsname bezeugt, den tussis heisst der Husten.

Emil Postel: Der Führer in die Pflanzenwelt, 1876.

Vom Huflattich ist hier die Rede und seine lateinische Bezeichnung lautet Tussilaga Farfara. Neben den ersten Blumen im März wie etwa das Schneeglöckchen und seine hübsche Verwandte, die Schneeglöckchen Anemone, sticht der Huflattich mit seinen knallgelben Blüten wohl am wirkungsvollsten ins Auge. Denn das ist sein augenscheinlicher Vorzug: die Blüten erscheinen lange bevor sich seine Blätter entwickelt haben. Und nein, das ist kein Löwenzahn, der da seine Pracht entfaltet.

Gefunden habe ich eine riesige Fläche dieser äusserst ansprechenden Blümchen am Ufer eines kleinen Staudammes, auf dem sich allerlei Sand und Steine angesammelt und damit einen gewissen Grad an Staunässe gebildet haben, die der Huflattich so liebt. Dort habe ich mich niedergelassen, meine Jause eingenommen und ein kleines Säckchen mit Blüten und Stengeln gesammelt, um sie zu Hause für Räuchergut zu trocknen. Auf vielen Wegen in Mostindien begegnet er mir seit letzter Woche. Wer ebenfalls danach suchen sollte, dem sei der März und April empfohlen sowie der schweifend-suchende Blick über feuchte Wege, Kiesgruben, Erdanrisse und Ufer.

Der Huflattich ist nicht nur zur Frühlingszeit wunderschön anzuschauen, auch die Geschichten um seinen Gebrauch ist ein interessantes Kapitel im Brauchtum vergangener Zeiten. Hier besonders interessant zu lesen ist das entsprechende Kapitel in Miranda Seymors Buch über die Geschichte ausgewählter Pflanzen und Kräuter. So sollen sie die ersten Engänder, die nach Amerika auswanderten in ihrem Gepäck mitgeführt haben, da es als das beste Hausmittel gegen die Erkrankung der Atemwegsorgane galt. Nicht umsonst zierte in der Vergangenheit auf vielen Schildern von Apotheken der Huflattich als Symbol für Heilung. Doch nicht nur als Tee mochte man den Huflattich geniessen, sondern auch als Tabakersatz wurde er mancherorts verwendet, was ihm den Namen Tabakkraut eintrug. Seit den Tagen des griechischen Arztes Dioskurides war der Huflattich ein wesentlicher Bestandteil einer Kräutertabakmischung. Man verwendet dazu nur die Knospen und vermischt sie mit kleinen Mengen von Augentrost, wilden Thymian, Lavendel oder Kamille. Die Gesamtmenge der Huflattichknospen sollte dabei der Gesamtmenge der beigefügten Gewürze entsprechen.

Der Botaniker Carl von Linné entdeckte auf seinen Reisen in Schweden, das seine Bewohner diese Kräutertabakmischungen rauchten und machte sich darüber seine Notizen. Er soll auch der erste gewesen sein, der die Pflanze systematisiert hat. Damit nicht genug. Als er 1745 die sogenannte „Blumenuhr“ erfand, hat der Huflattisch dabei eine wichtige Rolle gespielt. Denn jede Pflanze hat seinen eigenen Biorhytmus und öffnet bzw. schliesst seine Blüten zu einer bestimmten Tageszeit. Der Huflattich tut dies in der Regel zwischen 7 bis 16.00 Uhr. Wir wissen nun, wie spät es ist!

Von den Stieglitzen abgeschaut haben sich die Menschen eine andere Verwendungsform. Wenn aus den Blüten sich die weissen Samensporen entwickelt haben, die dann wie beim Löwenzahn vom Wind vertragen werden, kommen die Vögel. Sie verwenden den weissen Flaum der Pflanze zur Polsterung ihrer Nester. Das haben die Menschen den Vögeln offenbar abgeschaut. Miranda Seymour berichtet, dass mit diesem Flaum sogar Kissen oder Matratzen gefüllt wurden, entsprechende Geduld vorausgesetzt und in Mangel besserer Füllstoffe.

Doch es wird gar noch extremer. Aus dem Reich des Aberglaubens aus Böhmen und Mähren kommen folgende Anweisungen für das Verzaubern von Rindern, die ich hier gerne wiedergeben möchte:

Wenn man will, dass die Kühe statt Milch Blut geben, so macht man es auf folgende Weise: Man hüllt sich in der Nacht in ein weisses Leintuch und geht in den Garten, um die Wurzeln (des Huflattichs) zu graben, indem man dabei die Worte spricht: „Kopàm, kòpam devesel, ma duse se nevesel.“ Wenn man die Wurzel herausgegraben hat, so geht man nach Hause ohne jemanden etwas zu sagen. Zeitlich des Morgens geht man zu dem Kuhstalle, dessen Kühe man verzaubern will, und gräbt die Wurzeln bei der Thüre ein. sobald nun eine Kuh, wenn sie auf die Weide geführt wird, beim Heraustreten aus dem Stalle auf den Ort tritt, wo die Wurzel vergraben liegt, ist sie verzaubert und gibt Blut anstatt Milch.

Aberglaube und Bräuche aus Böhmen und Mähren. 1864

Doch zurück in die unmittelbare Gegenwart und rationalere Zeiten. Eines der Standardwerke der Naturheilkunde und alternativen Behandlungsmethoden der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts war wohl ohne Zweifel ein Buch von Maria Treben. Das bekannteste Buch der Österreicherin mit dem Titel „Gesundheit aus der Apotheke Gottes“ hat bislang über 9 Millionen Exemplare verkauft. Sie hat sich bei einer wissenschaftlich fundierten Heilmittelforschung wohl genau wegen jener Haltung diskreditiert, mit der sie auch den Huflattich beschrieben hat: mit überbordendem und unkritischen Enthusiasmus. Nicht nur gegen Husten und Heiserkeit soll er helfen, sondern auch bei Bronchitis, Bronchialasthma, Kehlkopf- und Rachenkatarrh, Schleimbeutelentzündung und Rotlauf. Kein Wort über Nebenwirkungen oder Gegenindikationen. Der Glaube versetzt eben Berge und: Wer glaubt, den können wir erlösen.

Das, was noch meine Grossmutter noch unschuldig und meist mit Erfolg empfohlen hat, bei Husten Huflattich – Tee zu trinken, ist heute in Verruf geraten. Einer EU-Verordnung aus den Neunzigerjahren entsprechend, wird kein Huflattich Tee mehr in Apotheken verkauft. Nur wer in Schweizer Apotheken kauft, darf sich noch an diesem Tee vergreifen. Und dies nicht ohne Grund.

Einerseits ist die schleimlösende Wirkung von Huflattich bestätigt, andrerseits geben bestimmte Inhaltsstoffe, die Pyrrolizidinalkaloide Anlass zur Sorge. In bestimmten Mengen genossen, können diese krebserregend wirken. So schillert die Einschätzung des Huflattichs zwischen Heilmittel und Giftpflanze. Es kommt, so viel steht fest, wohl auf die Menge der schädlichenInhaltsstoffe an und die ist für den Laien nur schwer zu kontrollieren. Dann lieber gleich die Hände davon lassen oder für kurze Zeit Tee zubereiten, um seinen Husten zu lindern? Um hier den möglicherweise entstehenden Glaubenskriegen vorzubeugen sei, dem Blog Unkrautliebe folgend auf die Wissenschaft verwiesen (pdf-Download).

Kommen wir an dieser Stelle zur behutsam angewandten Räucherung. Was ich mir als Anhänger derartiger Rituale jedenfalls fest vorgenommen habe, ist den Hinweisen von Altmeister Plinius auf behutsame Weise näherzutreten. Er empfiehlt die Räucherung des Huflattichs auf zweierlei Weise:

(1) Man legt die Blüten auf Zypressenkohlen, und athmet bei Dampf bei altem Husten durch einen Thrichter ein.

(2) Trocknet man die Pflanze sammt der Wurzel und saugt deren Rauch durch ein Rohr ein, so soll alter Husten geheilt werden, wenn man nach jedem Schluck Rauch einen Schluck Sekt (passum) trinkt.

Harald Lenz: Botanik der alten Grioechen und Römer. 1859

Es wird wohl auch ein Räucherstövchen mit Teelicht und Netz tun. Doch das ist eine andere Geschichte und das – jetzt kommt der obligatorische Disclaimer – ist auch in keinem Fall nachzuahmen.

Recherche:

  • Seymour, Miranda: Eine kleine Geschichte der Kräuter und Gewürze. 2005.
  • Schauer/Caspari: Der illustrierte Pflanzenführer.
  • Treben, Maria: Gesundheit aus der Apotheke Gottes. 1980