Frau Percht, Brünn, 1954. Wikimedia Commons
Folgendes Posting ist erstmals am 9. Jänner 2021 auf tinderness.blog veröffentlicht worden. Es erscheint nun in einer leicht redigierten Form.

Dass die Durchlässigkeit zwischen der alltäglich erlebten Welt und der Anderswelt besonders in der Zeit der Rauhnächte sehr hoch ist, das hat mir vor mehr als 25 Jahren eine Frau in Missouri gezeigt. Sie war bekennende Wicca und vom Kommen des Neuen Zeitalters überzeugt. Mir „passierte“ diese Einsicht im Jahr 1994, die New Age Bewegung war gerade auf ihrem Höhepunkt. P. fühlte sich aufs Innigste mit den Zielen der spirituellen Bewegung verbunden und das beschränkte sich wahrlich nicht nur auf das Hören der Musik von Enya. Auch angesichts ihrer prekären finanziellen und existentiellen Situation war das Versprechen auf ein Goldenes Zeitalter verlockend. Ich war, sozialisiert in den Post 68ern, äusserst skeptisch, mehr noch: ihr Beharren auf dem Transzendenten und den Geistwesen verursachten erhebliche Loyalitätskonflikte in mir. Die esoterischen Selbstgewissheit und das Beharren auf Existenz im Jenseits stand meiner materiellen Weltsicht diametral gegenüber. Doch die Gegensätze erschreckten mich nicht nur, sondern zogen mich auch an. Und sie liessen mich Dinge erfahren.

Ich flog zu Weihnachten nach St. Louis, um P. zu treffen, reiste in einen Vorort mit adretten und bescheidenen, weissbemalten Holzhäusern mit sehr viel Garten drumherum. Es war unsere erste reale Begegnung nach einer langen Online – Bekanntschaft, die wir in diesem Jahr eingingen. Ein solches Online – Abenteuer erschien damals verrückt und war nur sehr schwer erklärbar. Das Medium Internet nahm gerade seinen Aufschwung, ich hatte P. auf einem Kanal des Inter Relay Chats (IRC) kennengelernt. Nach langen (und teuren) Telefongesprächen hatten wir beschlossen, einander persönlich zu treffen. Was damals so unglaublich und irreal erschien, nämlich sich online kennenzulernen, ist heute im Zeitalter von Social Media und professionell betriebenen Dating – Kanälen schon lange nichts Aussergewöhnliches mehr. In den Neunzigern war eine derartig realisierte Bekanntschaft ungewöhnlich und „gegen“ die vermeintliche „Natur“ einer Liebschaft. Eine derartige Bekanntschaft war weder rational vertretbar noch gesellschaftlich akzeptabel, man schwieg am besten darüber. So fuhr ich, von Geheimnissen umgeben und ein wenig wagemutig in die Ungewissheit hinein, ohne Vorsicht, ohne Bedenken, mit der erwartungsvollen Verzweiflung des Jugendlichen. So war es immer, wenn das Andere lockte.

Die Erinnerung an die „amerikanische Rauhnacht“ ist eingebrannt in meinen Körper, gleichzeitig aber brüchig in den erinnerten Fakten. Ich weiss, dass ich am 24. Dezember nächtens in St. Louis eintraf, um dort von P. in einem etwas befremdlichen, schwarzen Sportwagen abgeholt zu werden. In ihrem Haus angekommen, lud sie mich ein, mit ihr nach draussen in den Garten zu kommen, um ein Ritual der Geisterbeschwörung (sie nannte es „das Rufen der Geister“) durchzuführen. Wir standen unter den rauschenden Bäumen und sie beschwor mit erhobenen Armen etwas, das mir mehr als fremd war. Die Wilde Jagd (The Wild Hunt) begann die Baumkronen und mich zu beunruhigen: ein Sturm hob an, schwer hingen die Schatten in den Zweigen und meine körperliche und mentale Balance begann zu kippen. P. bot mir von einem rötlichfarbenen, mir unbekanntem Getränk an, das sie extra für diesen Zweck vorbereitet hatte. Schon wenige Minuten nach dessen Einnahme verfiel ich in eine Art Trunkenheit, die grosse Angst und auch körperlichen Schmerz in mir auslöste. Während ich mich wie gelähmt fühlte, fuhren die vermeintlichen Geister durch mich hindurch und hinterliessen einen wunden Körper rund um meine berauschten Sinne: so jedenfalls fühlte es sich an. Ich verfiel in eine Starre, von der ich mich nur langsam erholte: die Pein und der Schmerz waren gross. P. Hatte mich nach meinem Zusammenbruch mit Mühe in den Schutz des Hauses gebracht und ich fand mich auf dem Bett liegend wieder. Ich halluzinierte. Entsetzliche Szenen aus meiner Kindheit, die ich schon längst verdrängt hatte, überfielen mich mit aller Vehemenz. Ich sprach davon, obwohl ich mich schämte. Mit sanften Handbewegungen und ruhigen Anweisungen strich P. das Übel an meinem Rückgrat entlang aus meinem Körper. Ich durchlitt den Schrecken und die Pein, welche mir übel gesinnte Wesen zufügten. Schliesslich schlief ich erschöpft ein.

Im Nachinein versuchte ich mir meinen Zusammenbruch mit der Einnahme eines Rauschmittels zu erklären: P. verweigerte mir indes jedwede Auskunft darüber, ob in dem mir verabreichten Getränk Drogen enthalten waren. Ich versuchte, mich damit zu beruhigen, dass dem tatsächlich so gewesen sei. Aber gleichzeitig wusste ich, dass dies alles nur zur Selbstversicherung diente: einzusehen, dass ich einen Blick in die Anderswelt getan hatte, liess mein materielles Weltbild nicht zu. Aber das mir etwas, jenseits aller möglicher Drogen „passiert“ war, stand ebenfalls fest.

Nur wenige Tage später sollte ich eine weitere Begegnung mit der Wilden Jagd haben. Wir waren den langen Weg nach Andersen im Bundesstaat Indiana gefahren, um dort mit P.’s Eltern Weihnachten zu feiern. Um den Gesprächen über Preis und Qualität der Weihnachtsgeschenke wenigstens teilweise zu entkommen, ging ich nächtens mit P.s Hund in den Feldern rund um die Farm spazieren. I walked the dog. Es war ein riesiger, bärenstarker Golden Retriever, den ich da an der Leine hatte, mitten in der Nacht und zwischen abgeernteten Weizen- und Kornfeldern, über die der Wind pfiff. Die Dunkelheit, der Wind, die Kälte und die absolute Einsamkeit waren es, die jene eigenartige Stimmung erzeugten, vor denen auch der Hund eine so entsetzliche Angst ergriff, dass er sich jaulend weigerte, weiterzugehen. Panik ergriff mich. The Wild Hunt again. Die rasende Meute war überall UND SCHLUG AUF MICH EIN. Ich zog den Hund hinter mir her, mit aller Gewalt. Er schlüpfte widerstrebend aus dem Halsband hinaus und rannte davon. Ich stand da voller Furcht vor meiner Umgebung und der Angst, einen Hund verloren zu haben und mich aufs Äusserste zu gefährden. Mit P.s plötzlichem Erscheinen am Feldweg schien der Spuk aber auf einmal ein Ende zu haben. Ein zweites Mal hatte sie mich vor der Pein erlöst. Auch der Hund fand sich wieder. Ruhig stand er neben ihr.

Warum also die Geisterbeschwörungen, wo doch beide Erlebnisse auch ganz „natürliche“ Erklärungen für den Leser bereithalten. Ich fühle die Schwere der Ereignisse, die Lasten des erlebten Bösen und das energetische aufgeladene Übernatürlichen. Noch heute sind die Rauhnächte eine jährlich widerkehrende Bedrohung für mich. Es sind nicht die Erinnerung an die Erlebnisse von damals allein. Der Himmel hängt voll gefährlicher Energie, etwa von der Qualität mit der ich auch die Lichterscheinungen und energetische Dichte von Aurora begegne.

Auch die Trennung zwischen Pamela und mir war in den Schrecken getaucht, die die Geistwesen, die sie umgaben, in mir auslösten. Doch das ist eine andere Geschichte und gehörte nicht mehr zu den Rauhnächten. Vielleicht schreibe ich später einmal darüber.

Ich berichte all dies im Gedenken an sie. Sie ist 2017 im 58. Lebensjahr an einem Lungenkarzinom verstorben. Das habe ich erst kürzlich im Internet entdeckt, als ich mich erneut auf die virtuelle Suche nach ihr machte. Den wunderbaren Garten rund um ihr Haus hatte sie auf Pamelot getauft.

 Rauhnacht:  Der blutige Tomerl * Das Wilde Heer * Über Rauhnächte * Pamelot